Rede für den Emder Aktionskreis „Wehrhaft ohne Waffen“ anlässlich der Nationalen Maritimen Konferenz am 29.4.2026 Emden

Liebe Friedensfreundinnen und -Freude aus Emden, Ostfriesland und Norddeutschland,
Ich danke den Veranstaltern für die Einladung, heute hier zu Euch reden zu dürfen. Erlaubt mir
dazu einen persönlichen Einstieg.
Ich bin zwar kein gebürtiger Emder, aber ich lebe und arbeite mit kurzer Unterbrechung seit
über 35 Jahren in dieser Stadt. Das ist mehr als die Hälfte meines Lebens! Emden ist meine neue
Heimat geworden. Und das soll sie möglichst auch noch im langsam nahenden Ruhestand bleiben…
Doch diese Stadt, ihre Menschen und ihr Frieden stehen immer mehr in Gefahr. In großer Ge
fahr! Aber nur wenige wissen davon oder wollen davon wissen. Ich möchte keine Angst verbreiten oder mit Angst Stimmung in eigener Sache machen. Die Gefahr ist aber konkret da und sie
wächst. Und wir müssen uns der Gefahr gemeinsam stellen, wenn wir nicht vor ihr verschluckt
werden wollen. Ich versuche das sachlich zu begründen. Dazu eine Erinnerung…
Als ich 1990 nach Emden zog, habe ich gleich beim ersten Hausbesuch in meiner Gemeinde
einen für alle Emder*innen maßgeblichen historischen Tag genannt bekommen, einen Tag, den
ich nie vergessen dürfte. Dazu wurde mir von meinem Gastgeber ein altes Schwarz-Weiß-Foto
mit gezacktem Rand in die Hand gegeben. Das Foto zeigte mir diese Stadt: Emden, einen Tag
nach dem 6. September 1944! Aber was sage ich „Stadt“? Aus dem ehemaligen „Venedig des
Nordens“, wie Emden bis dahin liebevoll genannt wurde, war ein einziges Trümmerfeld
geworden. Hier und da stand nur noch eine Ruine und noch seltener ein bewohnbares Haus,
wie einzelne kranke, hohle Zähne in einem ansonsten zahnlosen Kiefer…
Ich lernte damals durch meinen Gastgeber: Über 80% der Stadtfläche seien an diesem
Septembertag durch einen gezielten englischen Bomberangriff in nur 18 Minuten verwüstet
worden! Als die Rauchwolken sich langsam verzogen, habe man ungehindert von einem Ende
der Stadt bis zum anderen blicken können, von Harsweg bis nach Borssum, von Larrelt bis nach
Barenburg. Freie Sicht! Für uns heute unvorstellbar… Bis zum Horizont eine einzige Verwüstung!
Apokalyptisch… Das Foto und die Erzählungen meines Gastgebers erinnerten mich an
Hiroshima. Doch hier waren es damals „nur“ herkömmliche Bomben. Aber auch die zerstörten
fast alles und raubten 413 Menschen das Leben. Die meisten davon Zivilisten und
Zwangsarbeiter, aber auch Soldaten.

Ich erfuhr weiter: Die 176 befestigten Schutzräume und Bunker gaben der Mehrheit der Emder
Bevölkerung Schutz. „Doch Schutz wofür noch?“ fragte mein Gastgeber. „Es gab nach diesem
Tag keine Straßen mehr, kein schützendes Dach, kein Wasser, kein Klo, keine Heizung, kein Brot,
nicht mal den Schnaps am Kiosk nebenan. Alles ausradiert! Und viele Emder Kinder waren irgendwohin nach Außerhalb verschickt worden!“ Ob man sie noch jemals wiedersähe? „Aber
wozu auch? Ich werde hier ja nicht mal selber satt!“ – So erging es den Menschen hier. Und die
stillen Tränen der elternlosen Kinder in der Fremde zählte keiner. Aber auch sie brechen sich
noch Jahrzehnte danach Bahn, wenn ich ihnen als Seelsorger zuhöre.
Bis heute berichten mir die Alten von ihren traumatischen Erfahrungen, auch der Bunkernächte,
wie die ganze Erde im Bombenterror bebte und die schweren Beton-Bunker wie auf einer Puddinghaut im Erdboden wankten. Und die nicht verschickten Säuglinge und Kleinkinder schrien
vor Angst im Schoß ihrer Mütter… Dies alles ist bis heute noch lebendig und quält die Menschen.
In den vergangenen Tagen bin ich im Blick auf meine heutige Rede mehrfach angesprochen worden von Emdern, die das überlebt haben.
Können wir uns darum vorstellen, was in ihren Köpfen und Herzen erneut losgetreten wird,
wenn die Politik heute – nicht einmal drei Generationen nach diesem Irrsinn! – großspurig davon
redet, unser Land und unsere Städte und Häfen, ja die ganze Gesellschaft wieder „kriegstüchtig“
machen zu wollen? Diese schamlose, unverfrorene Rhetorik und der dahinter stehende „Operationsplan Deutschland“ der Bundesregierung, weckt die Dämonen der Vergangenheit heute
wieder auf – bis zur Schlaflosigkeit!
Die wachen Alten dieser Stadt haben mich darum gebeten, heute ihre große Sorge um den Frieden dieser Stadt und dieses Landes an Euch, an uns alle, weiterzugeben. Sie wissen noch, wohin
diese Sprache und diese Pläne führen. Kriegsrhetorik und Kriegsvorbereitungen sind selbst
schon Teil des Krieges und führen totsicher in die nächste Katastrophe. Uns alle!

Hören wir darum auf die wachen Alten, wenn uns eine friedliche Zukunft wirklich lieb ist. Nur,
wenn wir wissen, wo wir herkommen, wer unsere Ahnen sind und was sie erlebten und erlitten,
wissen wir auch, wo wir hinwollen – und wohin nicht!
Für Emden und seine Menschen heute, Männer, Frauen und Kinder, und für alle anderen Menschen in norddeutschen Hafenstädten besteht die Gefahr erneuter Zerstörung jetzt sogar besonders! Ich zitiere dazu nur einen lapidar klingenden, aber für uns entscheidenden Satz über
die Zerstörung Emdens aus Wikipedia: „Die strategische Bedeutung als Hafen- und Werfstandort machte Emden zum Ziel der alliierten Luftstreitkräfte“.
Dabei war Emdens Hafen damals militärisch noch gar nicht so bedeutend! Wenn dagegen die
heutigen Pläne zur Kriegstüchtigkeit des Hafens am Rysumer Nacken oder anderswo – mehr
noch als jetzt schon – Wirklichkeit werden, leben wir künftig direkt in einem militärstrategischen
Hotspot! MaW: Ist ein Hafen einmal eine wichtige Drehscheibe für den Bau von Kriegsschiffen
geworden, für den Export von Rüstungsgütern und den Nachschub bei Manövern und Kriegseinsätzen mit Kriegsgerät und Soldaten, wird dieser Hafen zwangsläufig – ob wir das wollen oder
nicht – auch zur Zielscheibe für gegnerische Gewalt, sei es durch Terrorismus oder andere Militärnationen. Und lasst uns dabei jetzt nicht nur an Russland denken. Für die USA waren und sind
wir auch nichts anderes als ein Brückenkopf ihrer eigenen Großmachtinteressen. Europa ist immer schon und immer noch das bloße Schlachtfeld der amerikanischen Atomkriegsstrategie.
Keine militärische Großmacht kann darum je eine Schutzmacht für uns sein! Sie alle dienen
zuerst und zuletzt nur sich selbst. Und gerade ein Kriegshafen ist ein riesiger Magnet, der gegnerische Gewalt, Verderben und Tod nur so anzieht! Je größer und wichtiger ein Hafen für den
militärisch-industriellen Komplex ausgebaut wird, desto gewisser landen unserer Koordinaten
in den Zielsystemen der gegnerischen Drohnen und Marschflugkörper oder in den Anschlagsplänen selberernannter „Weltenrichter“. Gewalt zieht Gewalt an, immer und überall! Darum
kommen Krieg und Tod jetzt auch wieder nach Emden zurück. Wollen wir das wirklich?
Denn wieder wird es besonders die Zivilbevölkerung treffen, auch die Kinder in meiner und
deiner Nachbarschaft! Aber mehr noch als damals. Denn wir haben keine Schutzräume mehr.
Und selbst wenn wir welche hätten: die modernen Waffen brechen jeden Bunker noch 20 Meter
tief im Erdreich. Von der atomaren Eskalation ganz zu schweigen…

Emden wird als kriegstüchtige Hafenstadt geradezu ein Brennpunkt werden für diese gefährliche Dynamik! Wer das kleinredet oder leugnet verdummt das Volk!
Ich möchte mich darum heute besonders an die Vertreter der Hafenwirtschaft wenden. Denn
von einer Politik, die mit dem Programm der „Kriegstüchtigkeit“ das ausdrückliche Friedensgebot unseres Grundgesetzes jetzt täglich mit Füßen tritt, ist nichts mehr zu erwarten, außer radikaler Umkehr von diesem Irrweg! Mit einer Verantwortung für unsere „Sicherheit“ hat das alles
nichts zu tun. Bereits seit 1990 und nicht erst seit dem Ukrainekrieg sieht die NATO-Strategie
vor, Militärgewalt weltweit auch zur Rohstoffsicherung für unsere Wirtschaft einzusetzen. Damit
ist die NATO selbst ein Unsicherheits- und Kriegsfaktor in der Welt geworden. Die Globalisierung
kann aber nur durch internationale Verträge gerecht und friedlich gestaltet werden, nicht durch
Militär! Nur Verträge machen, dass wir Menschen uns vertragen!
Ihr Verantwortlichen der Hafenwirtschaft steht darum jetzt vor einer großen Versuchung! Ihr
bekommt jetzt billiges Geld vom Bund. Milliarden! Bedenkt aber: Es ist unser aller Geld. Mit
einer Wortlüge freigegeben: „Sondervermögen!“ Und ist doch nichts anderes als die hoffnungslose Höchstverschuldung unserer Kinder und Kindeskinder. Auch Eurer! Mit diesem Schuld-Geld
könnt Ihr jetzt Euren Standort sichern, Arbeitsplätze und Gewinne. Wenn Ihr kurzfristig und
kurzsichtig denkt, dann werdet Ihr es tun. Aber nicht ohne unseren wehrhaften Widerstand!
Das ist keine Drohung, sondern ein Versprechen, das dem Frieden dient. Also auch Euch und
Eurer Hafenwirtschaft, damit auch sie eine Zukunft hat, weil sie auch für die Zukunft baut!
Darum lasst Euch mit uns allen zusammen von den wachen Alten heilsam an das erinnern, was
am Ende herauskommt, wenn Ihr der großen Versuchung erliegt: Nicht etwa mehr Vorteile,
mehr Sicherheit, sondern am Ende nur Leid, Tränen, Blut und Tod. Und das wird an Euren Händen kleben, an Eurem Namen, an Euren Familien. Und Ihr werdet es aus eigener Kraft nicht
wieder abwaschen können!
Darum haltet Euch bitte nicht selbst für klug! Glaubt nicht, heute sei doch alles anders als früher.
Hört auf die Geschichte und ihre Opfer! Hört auf die wachen Alten in Emden und überall! Ver
weigert Euch mit gutem Gewissen der Versuchung, unser Land und unsere Häfen „kriegstüchtig“
zu machen – und Geschäfte mit dem Tod von Menschen. Geht vielmehr in Euch! Hört auf Euren
Bauch nicht auf die rechnende Vernunft. Unser Bauch ist oft schlauer als unser Kopf. Weil er
nicht von 12 Uhr bis Mittag denkt, sondern immer vom Ende her, was am Ende dabei
herauskommt…
Und wenn Eure Kinder und Enkelkinder Euch einmal fragen: „Papa, Opa, Mama, Oma, was arbeitet Ihr eigentlich im Hafen? Dann sollt Ihr frei, fröhlich und stolz sagen können: „Ich baue
Schiffe, Anlagen und Maschinen für das Leben und für die Menschen und nicht für den Tod!“
Und Eure Mitarbeiter im Hafen sollen das auch von Herzen zu ihren Kindern sagen können! Wir
alle brauchen gerade jetzt nichts mehr als „Häfen des Friedens“ und nicht des Krieges!
Und uns allen, liebe Friedensfreundinnen und -freunde, wünsche ich heute den Mut und die
Klugheit zum lauten, wehrhaften Protest gegen den organisierten Tod, aber ohne jede Gewalt!
Darin allein besteht unsere ganze Glaubwürdigkeit – und unsere Kraft. „Denn es gibt keinen Weg
zum Frieden, Frieden ist der Weg!“ (M. Gandhi)
Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit!